Novemberrevolution
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thumb|300px|Revolutionare Soldaten in Berlin im November 1918 Die Novemberrevolution von 1918 fuhrte am Ende des 1. Weltkriegs zur Umwandlung des Deutschen Reiches von einer Monarchie in eine pluralistische und parlamentarisch-demokratische Republik.
Die Revolution begann als Matrosenaufstand in Kiel, erfasste in wenigen Tagen ganz Deutschland und erzwang am 9. November 1918 die Abdankung des letzten Deutschen Kaisers Wilhelm II.. Weiterfuhrende, von sozialistischen Ideen geleitete Ziele der Revolutionare scheiterten im Januar 1919 am Widerstand der SPD-Fuhrung. Diese furchtete ein „revolutionares Chaos“ und strebte danach, burgerliche Parteien und alte kaiserliche Eliten mit den neuen Machtverhaltnissen zu versohnen. Dazu ging sie ein Bundnis mit der Obersten Heeresleitung ein und liess den so genannten Spartakusaufstand gewaltsam niederschlagen. Ihren formellen Abschluss fand die Revolution am 11. August 1919 mit der Verabschiedung der neuen Weimarer Reichsverfassung.
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1 Die Vorgeschichte
1.1 Das Deutsche Kaiserreich und die Sozialdemokratie 2 Die Revolution
2.1 Der Matrosenaufstand 3 Historische Einordnung
4 Die Revolution im Urteil von Zeitzeugen
5 Literatur
5.1 Regionale Darstellungen 6 siehe auch
7 Weblinks
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Die Vorgeschichte
Das Deutsche Kaiserreich und die Sozialdemokratie
Die burgerliche Marzrevolution von 1848/49 war vor allem an dem Problem gescheitert, die Demokratisierung und die nationale Einigung Deutschlands zugleich schaffen zu mussen. In den folgenden Jahrzehnten arrangierte sich der grosste Teil des deutschen Burgertums mit dem Obrigkeitsstaat, vor allem, nachdem die nationale Einheit unter preussischer Fuhrung 1871 doch noch zustande gekommen war.
thumb|left|Das Reichstagsgebaude vor 1900 Das neu gegrundete Deutsche Reich war eine konstitutionelle Monarchie. Fur den Reichstag galt das allgemeine, gleiche und geheime Mannerwahlrecht. Der Einfluss des Parlaments auf die Reichspolitik war jedoch ausserst begrenzt. Seine einzig wichtige Befugnis war das Etatbewilligungsrecht. Die Reichsregierung dagegen war nicht ihm, sondern allein dem Kaiser verantwortlich.
Seit 1871 waren auch Sozialdemokraten im Reichstag vertreten, deren Parteien sich spater zur SPD zusammenschlossen. Als einzige politische Partei im Deutschen Kaiserreich trat diese offen fur eine republikanische Staatsform ein. Otto von Bismarck liess sie daher von 1878 bis zu seiner Entlassung 1890 auf der Grundlage der Sozialistengesetze verfolgen. Dennoch konnten die Sozialdemokraten ihren Stimmenanteil bei fast jeder Wahl steigern. Im Reichstag von 1912 stellten sie mit 110 Abgeordneten oder 28 Prozent der Stimmen die starkste Fraktion.
In den 43 Jahren von der Reichsgrundung bis zum 1. Weltkrieg nahm die SPD nicht nur an Bedeutung zu, sondern veranderte auch ihren Charakter. In dem seit 1898 gefuhrten Revisionismusstreit wollten die so genannten Revisionisten das Ziel der Revolution aus dem Parteiprogramm streichen. Sie traten stattdessen fur soziale Reformen auf der Basis der bestehenden Wirtschaftsordnung ein. Dagegen setzte sich der marxistisch orientierte Flugel noch einmal durch. Doch die weiterhin revolutionare Rhetorik verdeckte nur muhsam, dass die SPD seit der Aufhebung der Sozialistengesetze 1890 praktisch reformistisch geworden war. Die lange als „vaterlandslose Gesellen“ diffamierten Sozialdemokraten verstanden sich als deutsche Patrioten. Zu Beginn des 1. Weltkriegs wurde offensichtlich, dass die SPD zu einem integralen – wenn auch oppositionellen – Bestandteil des Kaiserreichs geworden war.
Die SPD und der 1. Weltkrieg
thumb|right|150px|August Bebel Um 1900 galt die deutsche Sozialdemokratie als fuhrende Kraft der internationalen Arbeiterbewegung. Auf den gesamteuropaischen Kongressen der Zweiten Sozialistischen Internationale hatte die SPD stets Resolutionen zugestimmt, die ein gemeinsames Handeln der Sozialisten im Falle eines Kriegsausbruchs vorsahen. Noch wahrend der Julikrise, die auf das Attentat von Sarajevo folgte, organisierte sie – wie auch andere sozialistische Parteien in Europa – grosse Antikriegsdemonstrationen. Dabei rief etwa Rosa Luxemburg, die Wortfuhrerin der Parteilinken, im Namen der gesamten SPD zu Kriegs- und Gehorsamsverweigerung auf. Die Reichsregierung plante daher, die Parteifuhrer sofort nach Beginn der Kampfhandlungen zu verhaften. Friedrich Ebert, seit 1913 einer der beiden Parteivorsitzenden, reiste nach Zurich, um die Parteikasse vor dem Zugriff des Staates in Sicherheit zu bringen.
Als jedoch am 1. August 1914 die deutsche Kriegserklarung an das zaristische Russland erfolgte, liess sich die SPD-Mehrheit von der allgemeinen Kriegsbegeisterung anstecken. Sie folgte damit ihrem ehemaligen Vorsitzenden August Bebel, der vor seinem Tod 1913 gesagt hatte: „Wenn es gegen Russland geht, werde ich selbst die Flinte nehmen!“ Zudem furchteten viele SPD-Abgeordnete den Verlust von Wahlerstimmen und von Einfluss im Reichstag sowie ein erneutes Partei-Verbot, falls sie sich ihrer „patriotischen Pflicht“ entzogen.
Parteifuhrung und Reichtagsfraktion waren in ihrer Haltung zum Krieg gespalten: Mit Friedrich Ebert bejahten 96 Abgeordnete die Kriegskredite an die Reichsregierung. Mit dem zweiten Vorsitzenden Hugo Haase waren 14 Parlamentarier dagegen, stimmten aber wegen der Fraktionsdisziplin dennoch dafur. So bewilligte die gesamte SPD-Fraktion am 4. August die Kriegskredite, sagte dem Kaiser fur die Kriegsdauer einen Streik- und Lohnverzicht der Gewerkschaften zu und ermoglichte so die volle Mobilisierung des deutschen Heeres. Haase begrundete den Beschluss, der gegen seinen Willen gefasst worden war, im Reichstag mit den Worten: „Wir lassen das Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stich!“ Der Kaiser begrusste den so genannten „Burgfrieden“ der deutschen Innenpolitik am Ende seiner Thronrede mit dem beruhmt gewordenen Satz: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“
Selbst Karl Liebknecht, der spater zur Symbolfigur der entschiedenen Kriegsgegner wurde, beugte sich anfangs der Parteiraison: Er blieb der Abstimmung fern, um nicht gegen die eigene Fraktion stimmen zu mussen. Am 5. August 1914 grundete er jedoch mit Rosa Luxemburg, Franz Mehring und anderen Parteilinken die Gruppe Internationale, die an den Vorkriegsbeschlussen der SPD festhielt. Daraus ging am 1. Januar 1916 der reichsweite Spartakusbund hervor. Am 2. Dezember 1914 stimmte Liebknecht – anfangs als einziger Reichstagsabgeordneter – gegen weitere Kriegskredite. Er wurde daraufhin 1915 auf Betreiben der Parteifuhrung als einziges SPD-Fraktionsmitglied zum Militar eingezogen. Wegen seiner Versuche, die Kriegsgegner zu organisieren, wurde er aus der SPD ausgeschlossen und im Juni 1916 zu vier Jahren Gefangnis verurteilt. Auch Rosa Luxemburg wurde nach vorubergehender Freilassung bis zum Kriegsende inhaftiert.
Die Spaltung der SPD
Je langer der Krieg dauerte und je mehr Opfer er forderte, desto weniger SPD-Mitglieder waren bereit, den „Burgfrieden“ von 1914 aufrecht zu erhalten: um so weniger, da seit 1916 nicht mehr Kaiser und Reichsregierung die Richtlinien der deutschen Politik bestimmten, sondern die Oberste Heeresleitung (OHL) unter den Generalen Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff. Letzterer traf dort die wesentlichen Entscheidungen. Sie regierten Deutschland faktisch als Militardiktatoren, verfolgten offensive Kriegsziele und unterwarfen auch das zivile Leben ganz den Bedurfnissen der Kriegsfuhrung. Fur die Arbeiterschaft bedeutete dies u. a. einen 12-Stunden-Tag bei minimalem Lohn und mangelhafter Versorgung.
Nach Ausbruch der russischen Februarrevolution im Jahr 1917 kam es auch in Deutschland zu ersten organisierten Massenstreiks. Im Marz und April 1917 beteiligten sich daran etwa 300.000 Rustungsarbeiter.
Da der Kriegseintritt der USA am 6. April eine weitere Verschlechterung der Lage wahrscheinlich machte, versuchte Kaiser Wilhelm II. die Proteste mit seiner Osterbotschaft vom 7. April 1917 zu beschwichtigen: Er versprach fur die Zeit nach dem Kriegsende allgemeine, gleiche Wahlen auch fur Preussen, wo bis dahin das Dreiklassenwahlrecht herrschte.
Doch in der SPD reagierten nach den Linken jetzt auch Revisionisten wie Haase und Eduard Bernstein auf den wachsenden Unmut in der Arbeiterschaft. Am 9. April 1917 spaltete sich die SPD wegen der Haltung zum Krieg in die Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) unter Friedrich Ebert und die Unabhangigen Sozialdemokraten (USPD) unter Hugo Haase. Diese verlangten die sofortige Beendigung des Krieges und weitere Demokratisierung Deutschlands, hatten aber kein einheitliches sozialpolitisches Programm. Der Spartakusbund, der eine Parteispaltung bis dahin abgelehnt hatte, bildete nun den linken Flugel der USPD.
Siegfriede oder Verstandigungsfriede?
Seit dem Kriegseintritt der USA wurde die Lage an der Westfront fur Deutschland immer prekarer. Daher – und um der USPD den Wind aus den Segeln zu nehmen – bildete die SPD zusammen mit der katholischen Zentrumspartei und der liberalen Fortschrittlichen Volkspartei im Reichstag einen interfraktionellen Ausschuss. Er verabschiedete im Sommer 1917 eine Resolution, die einen Verstandigungsfrieden ohne Annexionen und Kontributionen vorsah.
Doch diese Resolution wies die OHL ebenso zuruck wie im Marz 1918 das 14-Punkte-Friedensprogramm des US-Prasidenten Woodrow Wilson vom Januar des selben Jahres. Es sah auf der Grundlage des „Selbstbestimmungsrechts der Volker“ einen Frieden „ohne Sieger und Besiegte“ vor. Hindenburg und Ludendorff lehnten dieses Angebot ab, da sie sich nach dem mittlerweile errungenen Sieg uber Russland wieder in der starkeren Position glaubten. Sie setzten weiter auf einen „Siegfrieden“ mit weit reichenden Annexionen auf Kosten der Kriegsgegner.
Auswirkungen der Oktoberrevolution
Nach der Februarrevolution in Russland und dem Sturz des letzten Zaren Nikolaus II. am 15. Marz 1917 setzte die neue russische Regierung, die seit Sommer von den Menschewiki unter Alexander Kerenski gestellt wurde, den Krieg an der Seite der Ententemachte fort. Dennoch sah die deutsche Reichsregierung nun noch einmal die Chance auf einen militarischen Sieg. Um die Antikriegsstimmung in Russland zu verstarken, liess sie den Fuhrer der russischen Bolschewiki, Wladimir Iljitsch Lenin, von seinem Exil in der Schweiz in einem versiegelten Waggon uber Schweden und Finnland nach St. Petersburg schleusen.
In der Oktoberrevolution konnten die Bolschewiki, die fur die sofortige Beendigung des Krieges eintraten, die Macht in Russland erobern. Lenins Erfolg starkte im deutschen Burgertum die Furcht vor einer Revolution wie der in Russland. Auch die SPD-Fuhrer hatten mit Unbehagen registriert, dass sich die entschlossene Kaderpartei der Bolschewiki gegen die parlamentarische Mehrheit aus gemassigten Sozialisten und Burgerlichen durchsetzen konnte. Ihr Bestreben, eine vergleichbare Entwicklung in Deutschland zu verhindern, bestimmte ihr Verhalten wahrend der Novemberrevolution.
Im Januar 1918 kam es im ganzen Reich erneut zu Massenstreiks mit mehr als einer Million Teilnehmern. Dabei traten erstmals die 'Revolutionaren Obleute' in Aktion, die spater noch eine wichtige Rolle spielen sollten. Sie nannten sich 'Rate' wie die russischen 'Sowjets'. Um ihren Einfluss zu schwachen, trat Ebert in die Berliner Streikleitung ein und erreichte ein vorzeitiges Streikende.
Im Marz 1918 stimmte die neue Sowjetregierung dem von Leo Trotzki ausgehandelten Frieden von Brest-Litowsk mit Deutschland zu. Er erlegte Russland sehr viel hartere Friedensbedingungen auf als der spatere Versailler Vertrag dem Deutschen Reich. Die OHL konnte nun zum Teil die im Osten frei gewordenen Truppen an der Westfront einsetzen. Die meisten Deutschen glaubten, dass ein siegreiches Kriegsende nun auch im Westen kurz bevorstunde.
Waffenstillstandsgesuch und Verfassungsanderung
Nach dem Sieg im Osten befahl die OHL im Fruhjahr eine neue Offensive im Westen, um die kriegsentscheidende Wende zu erzwingen. Doch als im Juli die letzten Reserven verbraucht waren, war die militarische Niederlage Deutschlands besiegelt. Am 8. August 1918 durchbrachen englische Tanks die Westfront; Mitte September zerbrach auch die Balkan-Front. Am 27. September kapitulierte Bulgarien, das mit den Mittelmachten verbundet war. Auch Osterreich-Ungarn stand vor dem Zusammenbruch.
Am 29. September informierte die OHL den Kaiser und Reichskanzler Georg von Hertling im belgischen Spa uber die aussichtslose militarische Lage. Ludendorff forderte ultimativ ein Waffenstillstandsgesuch an die Entente, da er nicht garantieren konne, dass die Front langer als 24 Stunden zu halten sei. Er empfahl ferner, eine zentrale Forderung Wilsons zu erfullen und die Reichsregierung auf eine parlamentarische Basis zu stellen, um gunstigere Friedensbedingungen zu erlangen. Damit sollten die demokratischen Parteien die bevorstehende Kapitulation und deren Folgen allein zu verantworten haben. 'Sie sollen die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben', erklarte er am 1. Oktober gegenuber Offizieren seines Stabes. Dies war der Keim der spateren Dolchstosslegende.
Ludendorffs Lagebericht schockierte die Reichsregierung ebenso wie danach die Reichstagsabgeordneten. Dennoch waren die Mehrheitsparteien, vor allem die SPD-Fuhrer, bereit, die Regierungsverantwortung in letzter Minute zu ubernehmen. Da der uberzeugte Monarchist Hertling die Parlamentarisierung ablehnte, ernannte Wilhelm II. am 3. Oktober den als liberal geltenden Prinzen Max von Baden zum neuen Reichskanzler. In dessen Kabinett trat mit Philipp Scheidemann erstmals auch ein Sozialdemokrat ein. Am Folgetag bot die neue Regierung den Alliierten den von Ludendorff geforderten Waffenstillstand an.
Die deutsche Offentlichkeit erfuhr erst am 5. Oktober von diesen vollendeten Tatsachen. Im allgemeinen Schock uber die offenkundig gewordene Kriegsniederlage blieben die Verfassungsanderungen fast unbeachtet. Diese beschloss der Reichstag am 28. Oktober auch formell. Fortan waren Kanzler und Reichsminister an das Vertrauen der Reichstagsmehrheit gebunden. Der Oberbefehl uber die Streitkrafte ging vom Kaiser auf die Reichsregierung uber. Damit war das Deutsche Reich von einer konstitutionellen zu einer parlamentarischen Monarchie geworden. Aus Sicht der SPD-Fuhrung erfullte die so genannte Oktoberverfassung alle wichtigen verfassungsrechtlichen Ziele der Partei. Ebert betrachtete schon den 5. Oktober als die 'Geburt der deutschen Demokratie'. Eine Revolution hielt er nach dem freiwilligen Machtverzicht des Kaisers fur uberflussig.
Die dritte Wilson-Note und Ludendorffs Entlassung
In den folgenden drei Wochen antwortete US-Prasident Wilson auf das deutsche Waffenstillstandsgesuch mit drei diplomatischen Noten. Als Vorbedingungen fur Verhandlungen forderte er darin den Ruckzug Deutschlands aus allen besetzten Gebieten, die Einstellung des U-Boot-Kriegs und - wenn auch verklausuliert - die Abdankung des Kaisers, um den demokratischen Prozess in Deutschland unumkehrbar zu machen.
Nach der dritten Wilson-Note vom 24. Oktober bezeichnete Ludendorff die Bedingungen der Alliierten plotzlich als unannehmbar. Er forderte nun die Wiederaufnahme des Krieges, den er einen Monat zuvor noch fur verloren erklart hatte. Dabei hatte erst das auf sein Verlangen abgegebene Ersuchen den Kriegsgegnern die ganze militarische Schwache des Reichs enthullt. Die deutschen Truppen hatten sich auf das nahe Kriegsende eingestellt und drangten darauf, nach Hause zu kommen. Ihre Kampfbereitschaft war kaum mehr neu zu wecken, und Desertionen hauften sich bereits.
Daher blieb die Reichsregierung auf dem von Ludendorff selbst eingeschlagenen Weg und ersetzte ihn als Chef der Obersten Heeresleitung durch General Wilhelm Groener. Ludendorff floh mit falschem Pass in das neutrale Schweden. Am 5. November stimmten die Alliierten der Aufnahme von Waffenstillstandsverhandlungen zu. Doch die dritte Wilson-Note hatte bei vielen deutschen Soldaten und in der Zivilbevolkerung den Eindruck erweckt, der Kaiser musse abdanken, um Frieden zu erreichen.
Die Revolution
Der Matrosenaufstand
Wahrend die kriegsmuden Truppen und die von der kaiserlichen Regierung enttauschte Bevolkerung das baldige Kriegsende erwarteten, plante die deutsche Marineleitung unter Admiral Reinhard von Scheer in Kiel, die Flotte zu einer letzten Schlacht gegen die Royal Navy in den Armelkanal zu entsenden.
Die Vorbereitungen zum Auslaufen losten zunachst eine Meuterei unter den betroffenen Matrosen und dann eine allgemeine Revolution aus, die in wenigen Tagen die Monarchie in Deutschland beseitigte. Den meuternden Matrosen ging es ursprunglich nur darum, nicht im letzten Augenblick des Krieges sinnlos geopfert zu werden.
thumb|300px|Postkarte mit Matrosen zur Zeit des Aufstandes
Der Matrosenaufstand begann auf Schilling-Reede vor Wilhelmshaven, wo die deutsche Hochseeflotte in Erwartung der geplanten Seeschlacht vor Anker gegangen war. Am 29. Oktober verweigerte die Besatzung der Schiffe 'Thuringen' und 'Helgoland' den Befehl zum Auslaufen. Die Meuterei konnte zwar noch einmal unterdruckt werden, da die ubrigen Schiffsbesatzungen sich ihr nicht anschlossen. Aber die Marineleitung liess ihren ursprunglichen Plan fallen, da sie sich des Gehorsams der Mannschaften nicht mehr sicher war. Das 3. Geschwader, das sich an der Meuterei nicht beteiligt hatte, wurde nach Kiel zuruck beordert. Mit an Bord waren rund 1.000 verhaftete Meuterer, die vor ein Kriegsgericht gestellt werden sollten.
Dies wollten die ubrigen Matrosen verhindern, da die Meuterer auch in ihrem Interesse gehandelt hatten. Eine Delegation, die um ihre Freilassung bat, wurde am 1. November von der Marineleitung abgewiesen. Am nachsten Tag diskutierten die Matrosen im Kieler Gewerkschaftshaus erstmals gemeinsam mit Werftarbeitern uber das weitere Vorgehen. Als das Haus daraufhin geschlossen wurde, kam es am 3. November zu gemeinsamen Massenkundgebungen unter freiem Himmel. Als ein Leutnant Steinhauser auf die Demonstranten schiessen liess und neun Menschen ums Leben kamen, erwiderte ein Matrose das Feuer und totete den Offizier. Aus dem Massenprotest wurde nun ein allgemeiner Aufstand.
Am Morgen des 4. November wahlten die Matrosen des 3. Geschwaders einen Soldatenrat unter Vorsitz des Oberheizers Karl Artelt. Anschliessend entwaffneten sie ihre Offiziere, bemachtigten sich der Schiffe, befreiten die inhaftierten Meuterer und brachten die offentlichen und militarischen Einrichtungen Kiels unter ihre Kontrolle. Heeressoldaten, die das Standortkommando zur Bekampfung des Aufstands aus Altona herbeigerufen hatte, verbruderten sich am Nachmittag mit den Matrosen. Kiel war damit fest in der Hand von etwa 40.000 revoltierenden Matrosen, Soldaten und Arbeitern.
Noch am Abend des 4. November traf der SPD-Reichstagsabgeordnete Gustav Noske in Kiel ein. Er sollte den Aufstand im Auftrag der neuen Reichsregierung und der SPD-Fuhrung unter Kontrolle bringen, um eine Revolution zu verhindern. Der Kieler Arbeiter- und Soldatenrat glaubte, die neue Regierung zu unterstutzen und von ihr unterstutzt zu werden. Daher wahlte er Noske noch am gleichen Abend zum „Gouverneur“. Diesem gelang es in den Folgetagen tatsachlich, die Revolution in Kiel zu beenden. Doch zu diesem Zeitpunkt hatten die Ereignisse schon weit uber die Stadt hinausgegriffen.
Die Revolution erfasst ganz Deutschland
Abordnungen der Matrosen schwarmten seit dem 4. November in alle grosseren deutschen Stadte aus. Schon am 7. November erfasste die Revolution alle grosseren Kustenstadte sowie Hannover, Braunschweig, Frankfurt am Main und Munchen. Dort zwang ein Arbeiter- und Soldatenrat den letzten bayerischen Konig Ludwig III. zum Thronverzicht. Kurt Eisner von der USPD rief in Bayern als erstem Land des Reiches die Republik aus. Auch in den ubrigen deutschen Staaten dankten in den nachsten Tagen alle regierenden Fursten ab, am 23. November zuletzt Gunther von Schwarzburg-Rudolstadt.
Die Arbeiter und Soldatenrate bestanden weit uberwiegend aus Anhangern von SPD und USPD. Ihre Stossrichtung war demokratisch, pazifistisch und anti-militaristisch. Sie entmachteten neben den Fursten nur die bis dahin allmachtigen militarischen Generalkommandos. Alle zivilen Behorden und Amtstrager des Kaiserreichs - Polizei, Stadtverwaltungen, Gerichte - blieben unangetastet. Auch Beschlagnahmungen von Eigentum oder Betriebsbesetzungen fanden kaum statt, da man solche Massnahmen von einer neuen Reichsregierung erwartete. Um eine der Revolution und der kunftigen Regierung verpflichtete Exekutive zu schaffen, beanspruchten die Rate zunachst nur die Oberaufsicht uber die Behorden, die zuvor in den Handen der Generalkommandos gelegen hatte.
Die SPD erhielt dadurch eine reale Machtbasis auf lokaler Ebene. Doch wahrend die Rate glaubten, damit im Interesse der neuen Ordnung zu handeln, sahen die Parteifuhrer der SPD in ihnen nur storende Elemente fur einen friedlichen Machtwechsel, den sie schon vollzogen wahnten. Wie die burgerlichen Parteien forderten sie moglichst rasche Wahlen zu einer Nationalversammlung, die uber die endgultige Staatsform befinden sollte. Dies brachte sie bald darauf in einen Gegensatz zu einem grossen Teil der Revolutionare. Deren Forderungen versuchte vor allem die USPD aufzugreifen. Auch sie war fur moglichst spate Wahlen zu einer Nationalversammlung, um schon vor deren Zusammentritt Fakten schaffen zu konnen, die den Erwartungen eines Grossteils der Arbeiterschaft entsprachen.
Reaktionen in Berlin
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Ebert war sich mit Max von Baden darin einig, dass eine soziale Revolution verhindert und die staatliche Ordnung unter allen Umstanden aufrecht erhalten bleiben musse. Er wollte die burgerlichen Parteien, die ja schon 1917 im Reichstag mit der SPD zusammengearbeitet hatten, sowie die alten Eliten des Kaiserreichs fur den Staatsumbau gewinnen und eine befurchtete Radikalisierung der Revolution nach russischem Vorbild vermeiden. Dazu kam seine Befurchtung, die ohnehin prekare Versorgungslage konne zusammenbrechen, wenn die bestehende Verwaltung von in administrativen Dingen ungeubten Revolutionaren ubernommen wurde. Er glaubte, die SPD werde in Zukunft zwangslaufig parlamentarische Mehrheiten erringen, die sie in die Lage versetzen wurden, ihre Reformvorhaben umzusetzen. Aus diesen Grunden setzte er alles daran, moglichst weitgehend in Ubereinstimmung mit den alten Machten zu handeln.
Um seinen Anhangern einen Erfolg vorweisen zu konnen, zugleich aber die Monarchie zu retten, forderte Ebert seit dem 6. November den Thronverzicht des Kaisers. Doch Wilhelm II., der sich weiterhin im Hauptquartier der Obersten Heeresleitung im belgischen Spa aufhielt, spielte auf Zeit. Nachdem die Entente am selben Tag Waffenstillstandsverhandlungen zugesagt hatte, hoffte er, an der Spitze der bald frei werdenden Fronttruppen nach Deutschland zuruckkehren und die Revolution gewaltsam niederschlagen zu konnen.
Max von Baden schrieb spater, Ebert habe am 7. November erklart: „Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sunde.“ Der Reichskanzler plante, nach Spa zu reisen, um den Kaiser personlich von der Notwendigkeit der Abdankung zu uberzeugen. Doch dazu kam es nicht mehr, da sich die Lage in Berlin rasch weiter zuspitzte.
Der 9. November 1918: Das Ende der Monarchie
Am Abend des 8. November hatte die USPD 26 Versammlungen in Berlin einberufen, auf denen ein Generalstreik und Massendemonstrationen fur den nachsten Tag angekundigt wurden. Ebert hatte daraufhin noch einmal ultimativ die Abdankung des Kaisers gefordert, um diesen Schritt auf den Versammlungen als Erfolg der SPD verkunden zu konnen. Um moglichen Unruhen entgegen zu treten, liess die Regierung Max von Baden noch am selben Abend das als besonders zuverlassig geltende 4. Jagerregiment aus Naumburg nach Berlin verlegen.
Doch selbst die Soldaten dieses Regiments waren nicht gewillt, auf Landsleute zu schiessen. Als ihre Offiziere ihnen am fruhen Samstagmorgen des 9. November Handgranaten aushandigten, suchte eine Abordnung die Redaktion des sozialdemokratischen Parteiorgans „Vorwarts“ auf, um Aufklarung uber die Situation zu verlangen. Dabei trafen sie auf den SPD-Reichstagsabgeordneten Otto Wels. Ihm gelang es, die Soldaten davon zu uberzeugen, die Fuhrung der SPD und ihre Politik zu unterstutzen. Anschliessend gewann er weitere Regimenter dafur, sich Ebert zu unterstellen.
Damit war die militarische Kontrolle uber die Hauptstadt den Sozialdemokraten zugefallen. Doch Ebert furchtete, sie konne ihnen rasch wieder entgleiten, wenn es den politischen Kraften links von der SPD gelange, die Arbeiter bei den angekundigten Demonstrationen auf ihre Seite zu ziehen. Diese Moglichkeit bestand, als sich vormittags – dem Aufruf der USPD folgend - mehrere grosse Demonstrationszuge mit Hunderttausenden Menschen auf den Weg ins Zentrum von Berlin machten. Auf ihren Plakaten und Spruchbandern standen Parolen wie „Einigkeit“, „Recht und Freiheit“ und „Bruder, nicht schiessen!“
thumb|left|Kaiser Wilhelm II. Etwa zur gleichen Zeit erfuhr der Kaiser das Ergebnis einer Befragung unter 39 Kommandeuren: Auch die Frontsoldaten waren nicht mehr bereit, seinen Befehlen zu folgen. Am Abend zuvor hatte erstmals auch ein Garderegiment den Gehorsam verweigert. Telegramme aus Berlin hatten ihn dringend um sofortige Abdankung gebeten, damit die Nachricht davon noch eine besanftigende Wirkung erziele. Dennoch zogerte er weiter und erwog, nur als Deutscher Kaiser abzudanken, nicht aber als Konig von Preussen.
Schliesslich handelte Max von Baden in Berlin auf eigene Faust. Ohne die Entscheidung aus Spa abzuwarten, gab er telegrafisch am Mittag dieses Tages folgende Erklarung heraus:
- „Seine Majestat der Kaiser und Konig haben sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die mit der Abdankung seiner Majestat, dem Thronverzichte Seiner Kaiserlichen und Koniglichen Hoheit des Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preussen und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind.“
Der Kaiser reagierte darauf mit der Flucht in die Niederlande, wo er bis zu seinem Tod 1941 leben sollte. Da er die formliche Abdankungsurkunde erst Wochen spater im Exil unterzeichnete, kam sein Grenzubertritt einer Fahnenflucht gleich. Das kostete ihn nun auch die Sympathien seiner Militars.
Um weiter Herr der Lage bleiben zu konnen, forderte Friedrich Ebert am Mittag des 9. November das Amt des Reichskanzlers fur sich. Max von Baden kam dieser Forderung nach, weigerte sich aber trotz Eberts Bitte, das Amt eines Reichsverwesers zu ubernehmen. Da Ebert sich weiterhin als Kanzler des Kaiserreichs sah, glaubte er so, eine Ubergangsregelung bis zur Bestimmung eines neuen Monarchen gefunden zu haben.
Die Nachricht vom Thronverzicht des Kaisers kam zu spat, um auf die Demonstranten noch Eindruck zu machen. Niemand befolgte die in Sonderausgaben des 'Vorwarts' veroffentlichten Aufrufe, nach Hause oder in die Kasernen zuruck zu kehren. Immer mehr Demonstranten forderten die Abschaffung der Monarchie. Karl Liebknecht, erst kurz zuvor aus dem Gefangnis entlassen, war sofort nach Berlin gereist und hatte am Vortag den Spartakusbund neu gegrundet. Nun plante er die Ausrufung der sozialistischen Republik. Beim Mittagessen im Reichstag erfuhr der stellvertretende SPD-Vorsitzende Philipp Scheidemann davon. Er wollte den Spartakisten nicht die Initiative uberlassen und trat kurz entschlossen auf einen Balkon des Reichstagsgebaudes. Von dort rief er - gegen Eberts erklarten Willen - vor einer demonstrierenden Menschenmenge seinerseits die Republik aus mit den Worten:
- Der Kaiser hat abgedankt. Er und seine Freunde sind verschwunden, uber sie alle hat das Volk auf der ganzen Linie gesiegt. Prinz Max von Baden hat sein Reichskanzleramt dem Abgeordneten Ebert ubergeben. Unser Freund wird eine Arbeiterregierung bilden, der alle sozialistischen Parteien angehoren werden. Die neue Regierung darf nicht gestort werden, in ihrer Arbeit fur den Frieden und der Sorge um Arbeit und Brot. Arbeiter und Soldaten, seid euch der geschichtlichen Bedeutung dieses Tages bewusst: Unerhortes ist geschehen. Grosse und unubersehbare Arbeit steht uns bevor. Alles fur das Volk. Alles durch das Volk. Nichts darf geschehen, was der Arbeiterbewegung zur Unehre gereicht. Seid einig, treu und pflichtbewusst. Das alte und morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue. Es lebe die deutsche Republik!
Erst Stunden spater veroffentlichten Berliner Zeitungen, dass Liebknecht im Berliner Tiergarten - wahrscheinlich fast zeitgleich - die Freie Sozialistische Republik Deutschland proklamiert hatte, auf die er gegen 16 Uhr eine am Berliner Stadtschloss versammelte Menschenmenge nochmals einschwor. Welche Ziele er damit verband, war damals noch weitgehend unklar. Forderungen des Spartakusbundes vom 7. Oktober nach weitreichenden Wirtschafts-, Militar- und Rechtsreformen - u.a. nach der Abschaffung der Todesstrafe - waren bis dahin noch nicht offentlich bekannt geworden.
Um der revolutionaren Stimmung die Spitze zu nehmen und die Forderung der Demonstranten nach Einigkeit der Arbeiterparteien zu erfullen, bot Ebert der USPD nun den Eintritt in die Regierung an und erklarte sich bereit, sogar Liebknecht als Minister zu akzeptieren. Dieser forderte die Kontrolle der Arbeiterrate uber die Soldaten und machte seine Regierungsbeteiligung davon abhangig. Wegen der Debatten daruber und weil der Parteivorsitzende Hugo Haase sich in Kiel aufhielt, konnten sich die USPD-Vertreter an diesem Tag nicht mehr uber Eberts Angebot einigen.
Weder die vorzeitige Verkundung des kaiserlichen Thronverzichts durch Max von Baden, noch seine Ubergabe des Kanzleramts an Ebert, noch die Ausrufung der Republik durch Scheidemann waren verfassungsrechtlich gedeckt. All dies waren im Grunde revolutionare Handlungen von Akteuren, die die Revolution nicht wollten, damit aber dauerhafte Fakten schufen. Noch am selben Abend fand dagegen eine wirklich revolutionare Aktion statt, die sich jedoch am Ende als vergeblich erweisen sollte.
Gegen 20 Uhr besetzte eine Gruppe von 100 Revolutionaren Obleuten aus Berliner Grossbetrieben den Reichstag und bildete ein Revolutionsparlament. Es waren weitgehend dieselben Personen, die schon im Januar als Streikfuhrer aufgetreten waren. Sie misstrauten der SPD-Fuhrung und hatten unabhangig vom Matrosenaufstand einen Umsturz fur den 11. November geplant, waren aber von den revolutionaren Ereignissen seit Kiel uberrascht worden. Um Ebert die Initiative zu entreissen, beschlossen sie nun, Wahlen fur den nachsten Tag auszurufen: Jeder Berliner Betrieb und jedes Regiment sollte an diesem Sonntag Arbeiter- und Soldatenrate bestimmen, die dann eine aus beiden Arbeiterparteien bestehende Revolutionsregierung wahlen sollten. Dieser Rat der Volksbeauftragten sollte die Beschlusse des Revolutionsparlaments ausfuhren und Eberts Funktion als Reichskanzler ersetzen.
Der 10. November: SPD-Fuhrung gegen Revolutionare Obleute
Die SPD-Fuhrung erfuhr noch am Samstagabend von diesen Planen. Da die Wahlen und die folgende Rateversammlung nicht mehr zu verhindern waren, schickte Ebert noch in der Nacht und am folgenden fruhen Morgen Redner zu allen Berliner Regimentern und in die Betriebe. Sie sollten die Wahlen zu seinen Gunsten beeinflussen und die ohnehin geplante Regierungsbeteiligung der USPD zusagen.
Diese Aktivitaten entgingen wiederum den Obleuten nicht. Als absehbar war, dass Ebert auch in der neuen Regierung den Ton angeben wurde, planten sie, der Versammlung ausser der Wahl einer Regierung auch die Einsetzung eines Aktionsausschusses vorzuschlagen, der die Tatigkeit der Arbeiter- und Soldatenrate koordinieren sollte. Dafur hielten sie bereits eine fertige Liste bereit, auf der die SPD nicht vertreten war. So hofften sie, eine Kontrollinstanz uber der Regierung installieren zu konnen.
In der Versammlung, die am Nachmittag des 10. November im Zirkus Busch zusammentrat, stand die Mehrheit auf Seiten der SPD: fast alle Soldatenrate und ein Grossteil der Arbeitervertreter. Sie wiederholten nun die Forderung nach „Einigkeit der Arbeiterklasse“, die am Vortag von den Revolutionaren aufgestellt worden war und nutzten die Parole jetzt, um Eberts Linie durchzusetzen. In den sechskopfigen 'Rat der Volksbeauftragten', der nun gewahlt wurde, entsandte die USPD wie geplant drei ihrer Vertreter: ihren Vorsitzenden Haase, den Reichstagsabgeordneten Wilhelm Dittmann und Emil Barth fur die Revolutionaren Obleute. Die drei SPD-Vertreter waren Ebert, Scheidemann und der Magdeburger Reichstagsabgeordnete Otto Landsberg.
Der fur die SPD-Fuhrung uberraschende Vorschlag der Obleute, noch einen Aktionsausschuss als Kontrollorgan zu wahlen, loste hitzige Debatten aus. Ebert erreichte schliesslich, dass auch dieser 20-kopfige Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenrate paritatisch mit SPD- und USPD-Mitgliedern besetzt wurde. Der Vollzugsrat beschloss, fur Dezember einen Reichsratekongress nach Berlin einzuberufen.
Obwohl Ebert sich auf ganzer Linie durchgesetzt hatte, war er mit den Ergebnissen unzufrieden. Er sah das Rateparlament und den Vollzugsrat als Hindernisse auf dem Weg zu einer Staatsordnung, die nahtlos an das Kaiserreich anknupfen sollte. Die ganze SPD-Fuhrung sah nur die Rate, nicht aber die alten Eliten aus Militar und Verwaltung als Gefahr. Man uberschatzte vollig deren Loyalitat zur neuen Republik. Ebert storte vor allem, dass er vor ihnen nun nicht mehr als Reichskanzler, sondern nur noch als Vorsitzender einer Revolutionsregierung auftreten konnte. Konservative betrachteten ihn in der Tat als Verrater, obwohl er nur deshalb an die Spitze der Revolution getreten war, um sie zu bremsen.
Wahrend der achtwochigen Doppelherrschaft von Raten und Reichsregierung war letztere immer dominant. Die hoheren Beamten arbeiteten allein Ebert zu, obwohl Haase im Rat formal gleichberechtigter Vorsitzender war. Den Ausschlag in der Machtfrage gab noch am Abend des 10. November ein Telefonat Eberts mit General Wilhelm Groener, dem neuen Chef der Obersten Heeresleitung im belgischen Spa. Dieser sicherte Ebert die Unterstutzung des Heeres zu und erhielt dafur Eberts Zusage, die militarische Rangordnung wieder herzustellen und gegen die Rate vorzugehen.
Hinter dem geheimen Ebert-Groener-Pakt stand die Sorge der SPD-Fuhrung, die Revolution konne in eine Raterepublik nach russischem Vorbild munden. Die Erwartung, das kaiserliche Offizierkorps damit fur die Republik gewinnen zu konnen, sollte sich jedoch nicht erfullen. Gleichzeitig wurde Eberts Verhalten fur die revolutionaren Arbeiter und Soldaten und ihre Vertreter zunehmend unverstandlich. So busste die SPD-Fuhrung immer mehr Vertrauen bei ihren Anhangern ein, ohne an Sympathien bei den Gegnern der Revolution zu gewinnen.
In den Turbulenzen dieses Tages war fast untergegangen, dass die Regierung Ebert am Morgen nach einer erneuten Aufforderung durch die OHL die harten Bedingungen der Entente fur einen Waffenstillstand akzeptiert hatte. Am 11. November unterzeichnete der Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger in Compiegne im Auftrag Berlins das Waffenstillstandsabkommen. Damit endeten die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs.
Das Stinnes-Legien-Abkommen
Wie uber die Staatsordnung, so herrschten auch uber die kunftige Wirtschaftsordnung bei den Revolutionaren heterogene Vorstellungen. Sowohl in der SPD wie der USPD weit verbreitet war die Forderung, zumindest die kriegswichtige Schwerindustrie demokratischer Kontrolle zu unterstellen. Die linken Flugel beider Parteien und die Revolutionaren Obleute wollten weiter gehen und eine direkte Demokratie im Produktionsbereich etablieren. Dort gewahlte Delegierte sollten dann auch die politische Macht kontrollieren. Diese Ratedemokratie zu verhindern lag nicht nur im Interesse der SPD, sondern auch der Gewerkschaften, die durch die Rate uberflussig zu werden drohten.
Parallel zu den Revolutionsereignissen trafen sich daher vom 9. bis 12. November in Berlin die Fuhrer der deutschen Gewerkschaften unter Carl Legien mit den Vertretern der Grossindustrie unter Hugo Stinnes und Carl Friedrich von Siemens. Sie unterzeichneten am 15. November ein „Arbeitsgemeinschaftsabkommen“ mit Vorteilen fur beide Seiten: Die Gewerkschaftsvertreter sicherten zu, einen geordneten Produktionsverlauf zu garantieren, wilde Streiks zu beenden, den Einfluss der Rate zuruckzudrangen und eine Sozialisierung von Produktiveigentum zu verhindern. Die Arbeitgeber garantierten im Gegenzug die Einfuhrung des 8-Stunden-Tages, den die Arbeiter schon seit Jahren vergeblich verlangt hatten. Sie sicherten den Gewerkschaften den Alleinvertretungsanspruch und dauerhafte Anerkennung anstelle der Rate zu. Beide Seiten bildeten einen „Zentralausschuss zur Aufrechterhaltung der Wirtschaft“. Ein „Schlichtungsausschuss“ sollte bei kunftigen Konflikten vermitteln. Ausschusse fur jeden Betrieb mit mehr als 50 Arbeitern sollten ab jetzt gemeinsam mit der Unternehmensleitung die Einhaltung von Tarifvertragen uberwachen.
Damit hatten die Gewerkschaften alle Bestrebungen nach Sozialisierung von Produktionsmitteln unterlaufen und die Rate von vornherein uberflussig gemacht.
Die Ubergangsregierung und die Ratebewegung
Der Reichstag wurde seit dem 9. November nicht mehr einberufen. Der Rat der Volksbeauftragten und der Vollzugsrat hatten die alte Regierung ersetzt. Doch der bisherige Verwaltungsapparat bestand fast unverandert fort. Vertreter von SPD und USPD wurden den bis dahin kaiserlichen Beamten nur beigeordnet. Diese behielten ebenso allesamt ihre Funktionen und setzten ihre Arbeit fort, als sei nichts geschehen.
Am 12. November veroffentlichte der Rat der Volksbeauftragten sein Regierungsprogramm. Es hob den Belagerungszustand und die Zensur auf, schaffte die Gesindeordnung ab und fuhrte das allgemeine Wahlrecht ab 20 Jahren ein, erstmals auch fur Frauen. Alle politisch Inhaftierten erhielten Amnestie. Die Vereins-, Versammlungs- und Pressefreiheit wurden erlassen. Auf der Basis des Arbeitsgemeinschaftsabkommens wurde der Acht-Stunden-Tag vorgeschrieben und Leistungen der Erwerbslosenfursorge, der Sozial- und Unfallversicherung ausgeweitet.
Auf Druck der USPD-Vertreter setzte der Rat der Volksbeauftragten am 21. November eine 'Sozialisierungskommission' ein. Zu ihr gehorten u.a. Karl Kautsky, Rudolf Hilferding und Otto Hue. Sie sollte prufen, welche Industrien 'sozialisierungstauglich' seien und eine Verstaatlichung der Montanindustrie vorbereiten. Sie tagte bis zum 7. April 1919 ohne jedes greifbare Ergebnis. Nur im Kohle- und Kalibergbau sowie in der Stahlindustrie wurden 'Selbstverwaltungskorperschaften' eingesetzt, aus denen die heutigen Betriebsrate hervorgingen. Doch auch diese strebten keinerlei sozialistische Enteignung an.
Die SPD-Fuhrung arbeitete lieber mit der alten Verwaltung zusammen als mit den neuen Arbeiter- und Soldatenraten, da sie diesen keine geordnete Versorgung der Bevolkerung zutraute. Das fuhrte seit Mitte November zu standigen Konflikten mit dem Vollzugsrat. Dieser wechselte seine Position laufend, je nach den Interessen derer, die er gerade vertrat. Ebert entzog ihm daraufhin mehr und mehr Kompetenzen mit dem Ziel, das 'Herum- und Hereinregieren der Rate in Deutschland' endgultig zu beenden. Er und die SPD-Fuhrung uberschatzten allerdings nicht nur die Macht der Ratebewegung, sondern auch die des Spartakusbundes bei weitem. Dieser stand zu Unrecht in dem Ruf, diese Bewegung im ganzen Reich zu kontrollieren.
Zwar losten die Arbeiter- und Soldatenrate u.a. in Leipzig, Hamburg, Bremen, Chemnitz und Gotha die Stadtverwaltungen auf und unterstellten sie ihrer Kontrolle. In Braunschweig, Dusseldorf, Mulheim an der Ruhr und Zwickau wurden ausserdem alle kaisertreuen Beamten verhaftet. In Hamburg und Bremen wurden 'Rote Garden' gebildet, die die Revolution schutzen sollten. In den Leunawerken bei Merseburg setzten Rate die Konzerndirektion ab. Aber sehr oft wurden die neuen Rate spontan und willkurlich bestimmt und besassen keine Fuhrungserfahrung. In der allgemeinen Not handelten viele auch geldgierig und eigennutzig. Dem stand aber eine grosse Mehrheit an gemassigten Raten gegenuber, die sich sofort mit der alten Verwaltung arrangierten und gemeinsam mit ihr dafur sorgten, dass in Betrieben und Stadten schnell wieder Ruhe einkehrte. Sie ubernahmen die Verteilung der Nahrungsmittel, die Polizeigewalt und die Unterbringung und Verpflegung der allmahlich heimkehrenden Frontsoldaten.
Verwaltung und Rate waren aufeinander angewiesen: Die einen hatten Wissen und Erfahrung, die anderen Einfluss, diese umzusetzen. Meist waren SPD-Mitglieder in die Rate gewahlt worden, die sich auch nur als Ubergangslosung betrachteten. Alles in allem stand in Deutschland 1918/19 keine Raterepublik zur Debatte. Man wollte die durch die Revolution zur Macht gelangte neue Regierung stutzen und erwartete von ihr die Abschaffung des Militarismus und des Obrigkeitsstaates. Die Kriegsmudigkeit und Not trug zur verbreiteten Selbsttauschung uber das Erreichte bei.
Der Reichsratekongress
Wie vom Vollzugsrat beschlossen, schickten die Arbeiter- und Soldatenrate im ganzen Reich Abgeordnete nach Berlin, der am 16. Dezember im Zirkus Busch zum Ersten Allgemeinen Kongress der Arbeiter- und Soldatenrate zusammentreten sollte. Um dies zu verhindern, planten Ebert und Groener mit Hilfe von nach Berlin beorderten Fronttruppen am 15. Dezember die Kontrolle uber die Hauptstadt zuruck zu gewinnen. Eines der dafur vorgesehenen Regimenter schlug am 6. Dezember zu fruh los. Bei dem Versuch, den Vollzugsrat zu verhaften, feuerte die Truppe in einen Demonstrationszug von unbewaffneten 'Roten Garden', den Spartakisten nahestehende Soldatenrate, und totete 16 Menschen.
Hier wurde das Gewaltpotential und die Putschgefahr von Rechts bereits sichtbar. Aus dieser Erfahrung heraus forderte Rosa Luxemburg am 12. Dezember in der 'Roten Fahne', der taglich erscheinenden Zeitung des Spartakusbundes, die friedliche Entwaffnung der heimgekehrten Militareinheiten durch die Berliner Arbeiterschaft, die Unterstellung der Soldatenrate unter das Revolutionsparlament und die Umerziehung der Soldaten.
Am 10. Dezember begrusste Ebert zehn von der Front heimkehrende Divisionen, in der Hoffnung, diese gegen die Rate einsetzen zu konnen. Es stellte sich jedoch heraus, dass auch diese Truppen nicht mehr gewillt waren, weiter zu kampfen. Der Krieg war zu Ende, Weihnachten stand vor der Tur, und die meisten Soldaten wollten nur noch nach Hause zu ihren Familien. So liefen sie kurz nach ihrem Einzug in Berlin auseinander. Der geplante Schlag gegen den Reichsratekongress fand nicht statt.
Er ware ohnehin unnotig gewesen. Denn der Kongress, der am 16. Dezember im Preussischen Abgeordnetenhaus seine Arbeit aufnahm, bestand in seiner Mehrheit ebenfalls aus Anhangern der SPD. Nicht einmal Karl Liebknecht war es gelungen, dort ein Mandat zu erlangen. Seinem Spartakusbund wurde keine Einflussnahme zugebilligt. Am 19. Dezember stimmten die Rate mit 344 zu 98 Stimmen gegen die Schaffung eines Ratesystems als Grundlage einer neuen Verfassung. Vielmehr unterstutzten sie den Regierungsbeschluss, so bald wie moglich Wahlen zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung durchzufuhren, die uber die endgultige Staatsform entscheiden sollte. Der einzige Streitpunkt zwischen Ebert und dem Kongress bestand in der Frage der Kontrolle uber das Militar.
Der Kongress verlangte unter anderem ein Mitspracherecht des von ihm gewahlten Zentralrats im Oberbefehl uber die Streitkrafte, die freie Offizierswahl und die Disziplinargewalt fur die Soldatenrate. Dies aber lief der geheimen Abmachung zwischen Ebert und Groener zuwider. Beide setzten alles daran, den Beschluss ungeschehen zu machen. Die Oberste Heeresleitung, die inzwischen nach Kassel umgezogen war, begann mit der Aufstellung ihr loyal ergebener Freikorps, die sie gegen die vermeintlich drohende bolschewistische Gefahr einzusetzen gedachte. Bei diesen Truppen handelte es sich - anders als bei den revolutionaren Soldaten vom November - um monarchistisch gesonnene Offiziere und Mannschaften, die den Weg zuruck ins Zivilleben furchteten.
Die Weihnachtskrise
Nach dem 9. November hatte die Regierung zu ihrem Schutz die neu gebildete Volksmarinedivision von Kiel nach Berlin beordert und im dortigen Stadtschloss stationiert. Sie galt als absolut loyal und verweigerte infolge dessen die Teilnahme an dem Putschversuch vom 6. Dezember. Die Matrosen setzten sogar ihren Befehlshaber ab, weil sie ihn in die Affare verwickelt sahen. Gerade diese Loyalitat aber brachte die Truppe nun in den Ruf, spartakistisch eingestellt zu sein. Ebert verlangte ihre Auflosung und ihren Abzug aus dem Schloss, und Otto Wels, seit dem 9. November Stadtkommandant von Berlin, verweigerte den Matrosen die ausstehende Lohnung.
Der Streit eskalierte am 23. Dezember. Nachdem man sie tagelang hingehalten hatte, besetzten die Matrosen die Reichskanzlei, kappten die Telefonleitungen, stellten den Rat der Volksbeauftragten unter Hausarrest und nahmen Otto Wels gefangen. Anders als von spartakistischen Revolutionaren zu erwarten gewesen ware, nutzten sie die Situation aber nicht, um die Regierung Ebert auszuschalten, sondern bestanden nur weiterhin auf ihrem Sold. Dennoch - und obwohl Wels inzwischen wieder frei gelassen worden war - gab Ebert, der uber eine geheime Telefonleitung mit der Obersten Heeresleitung in Kassel in Kontakt stand, am Morgen des 24. Dezember den Befehl, das Schloss mit regierungstreuen Truppen anzugreifen. Diesen Angriff aber schlugen die Matrosen unter ihrem Kommandanten Heinrich Dorrenbach erfolgreich zuruck. Dabei verloren etwa 30 Soldaten und Zivilisten ihr Leben. Die Regierungstruppen mussten die Innenstadt raumen. Sie wurden nun ihrerseits aufgelost oder in die neugebildeten Freikorps integriert. Um den Gesichtsverlust auszugleichen, besetzten sie vorubergehend die Redaktionsraume der 'Roten Fahne'. Doch die militarische Macht in Berlin lag nun erneut in den Handen der Volksmarinedivision, und erneut nutzte sie diese nicht aus.
Das zeigt zum einen, dass die Matrosen keine Spartakisten waren, zum anderen, dass die Revolution keine Fuhrung hatte. Selbst wenn Liebknecht der revolutionare Fuhrer im Sinne Lenins gewesen ware, den die Legende spater aus ihm gemacht hat, hatten ihn die Matrosen wie auch die Rate kaum als solchen akzeptiert. So hatte die Weihnachtskrise, die von den Spartakisten als 'Eberts Blutweihnacht' bezeichnet wurde, lediglich zur Folge, dass die Revolutionaren Obleute fur den 1. Weihnachtstag zu einer Demonstration aufriefen und die USPD am 29. Dezember aus Protest die Regierung verliess. Dies aber war dem SPD-Vorsitzenden nur Recht, hatte er die Unabhangigen doch nur unter dem Druck der revolutionaren Ereignisse an der Regierung beteiligt. Innerhalb weniger Tage wurde aus einer militarischen Niederlage der Regierung Ebert ein politischer Sieg.
Die Grundung der KPD und der Januaraufstand
Nach den Erfahrungen mit SPD und USPD kamen die Spartakisten zu dem Schluss, dass ihre Ziele nur mit einer eigenen Partei zu verwirklichen seien. Daher und um die Unzufriedenheit vieler Arbeiter mit dem bisherigen Revolutionsverlauf aufzufangen, grundeten sie zusammen mit anderen linkssozialistischen Gruppen aus dem ganzen Reich die KPD.
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Rosa Luxemburg verfasste ihr Grundungsprogramm und trug es am 31. Dezember 1918 vor: Darin hielt sie fest, dass eine Machtergreifung der Kommunisten niemals ohne klaren mehrheitlichen Volkswillen zustande kommen konne. Am 1. Januar 1919 forderte sie nochmals die Teilnahme der KPD an den geplanten Parlamentswahlen, wurde aber uberstimmt. Die Mehrheit hoffte noch immer, die Macht durch fortgesetzte Agitation in den Betrieben und den Druck der 'Strasse' erringen zu konnen. Die 'Revolutionaren Obleute' entschieden sich nach Verhandlungen mit den Spartakisten fur den Verbleib in der USPD.
Die entscheidende Niederlage der Novemberrevolutionare ereignete sich in den ersten Tagen des neuen Jahres 1919. Wie im November entstand fast spontan eine zweite Revolutionswelle, die diesmal aber gewaltsam unterdruckt wurde. Sie wurde ausgelost, als die Regierung am 4. Januar den Polizeiprasidenten von Berlin, das USPD-Mitglied Emil Eichhorn entliess, weil dieser sich in der Weihnachtskrise geweigert hatte, gegen demonstrierende Arbeiter vorzugehen. Seine Entlassung nahmen USPD, Revolutionare Obleute und die KPD-Fuhrer Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck zum Anlass, fur den nachsten Tag zu einer Protestaktion aufzurufen.
Was als Demonstration geplant war, entwickelte sich zu einem Massenaufmarsch, mit dem die Veranstalter selbst nicht gerechnet hatten. Wie am 9. November 1918 stromten am Sonntag, dem 5. Januar 1919, Hunderttausende ins Zentrum Berlins, darunter viele Bewaffnete. Am Nachmittag wurden die Berliner Bahnhofe und das Zeitungsviertel mit den Redaktionsgebauden der burgerlichen Presse sowie des 'Vorwarts' besetzt. Einige der betroffenen Zeitungen hatten in den Tagen zuvor nicht nur zum Aufstellen weiterer Freikorps, sondern auch zum Mord an den Spartakisten aufgerufen.
Die Demonstranten waren im Wesentlichen dieselben wie zwei Monate zuvor. Sie forderten jetzt die Einlosung dessen, was sie sich damals erhofft hatten. Daran waren die Spartakisten keineswegs fuhrend beteiligt: Die Forderungen kamen aus der Arbeiterschaft selbst und wurden von den verschiedenen Gruppen links von der SPD unterstutzt. Auch der nun folgende so genannte 'Spartakusaufstand' ging nur zum Teil von den KPD-Anhangern aus. Diese bildeten darin sogar die Minderheit.
Die im Polizeiprasidium versammelten Initiatoren der Demonstrationen wahlten einen 53-kopfigen 'Provisorischen Revolutionsausschuss', der aber mit seiner Macht nichts anzufangen und dem Aufstand keine klare Richtung zu geben wusste. Liebknecht forderte den Sturz der Regierung und schloss sich der Mehrheitsmeinung im Ausschuss an, die den bewaffneten Kampf propagierte. Rosa Luxemburg hielt - wie die Mehrheit der KPD-Fuhrer - einen Aufstand zu diesem Zeitpunkt fur eine Katastrophe und sprach sich ausdrucklich dagegen aus.
Fur den 6. Januar rief der Revolutionsausschuss zu einer erneuten Massendemonstration auf. Diesem Aufruf folgten nun noch mehr Menschen. Sie trugen erneut Plakate mit der Aufschrift 'Bruder, nicht schiessen!' und verharrten wartend auf einem Versammlungsplatz. Ein Teil der Revolutionaren Obleute begann, sich zu bewaffnen und zum Sturz der Regierung Ebert aufzurufen. Doch die Bemuhungen der KPD-Aktivisten, die Truppen auf ihre Seite zu ziehen, blieben weitgehend erfolglos. Vielmehr zeigte sich, dass selbst Einheiten wie die Volksmarinedivision nicht bereit waren, den bewaffneten Aufstand mit zu tragen. Sie erklarte sich fur neutral. Die ubrigen in Berlin stationierten Regimenter standen weiterhin mehrheitlich zur Regierung.
Wahrend weitere Truppen in seinem Auftrag auf Berlin vorruckten, akzeptierte Ebert ein Angebot der USPD, zwischen ihm und dem Revolutionsausschuss zu vermitteln. Nachdem die Truppenbewegungen und ein SPD-Flugblatt mit dem Titel 'Die Stunde der Abrechnung naht' bekannt wurden, brach der Ausschuss am 8. Januar weitere Verhandlungen ab. Das nahm Ebert nun zum Anlass, die in Berlin stationierten Truppen gegen die Besetzer einzusetzen. Vom 9. Januar an schlugen sie deren improvisierten Aufstandsversuch gewaltsam nieder. Am 12. Januar ruckten zudem die republikfeindlichen Freikorps in die Stadt ein, die seit Anfang Dezember aufgestellt worden waren. Den Oberbefehl uber diese Truppen hatte Gustav Noske am 6. Januar mit den Worten akzeptiert: 'Meinetwegen, einer muss der Bluthund werden. Ich scheue die Verantwortung nicht.'
Nachdem die Freikorps mehrere Gebaude brutal geraumt und die Besetzer standrechtlich erschossen hatten, ergaben sich die ubrigen rasch. Ein Teil von ihnen wurde dennoch ebenso erschossen. Diesem Vorgehen fielen allein in Berlin Hunderte von Menschen zum Opfer.
Die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg
Die angeblichen Drahtzieher des Januaraufstands mussten untertauchen, weigerten sich aber trotz dringender Bitten ihrer Genossen, Berlin zu verlassen. Am Abend des 15. Januar 1919 wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in einer Wilmersdorfer Wohnung entdeckt, verhaftet und an das grosste der Freikorps, die schwer bewaffnete 'Garde-Kavallerie-Schutzendivision' ubergeben. Deren Anfuhrer, der Hauptmann Waldemar Pabst, liess sie verhoren und schwer misshandeln. Noch in der selben Nacht wurden beide Gefangenen mit Gewehrkolben bewusstlos geschlagen und dann durch Schusse in die Schlafen ermordet. Rosa Luxemburgs Leiche wurde in den Berliner Landwehrkanal geworfen, wo sie erst am 1. Juni entdeckt wurde.
Die Tater gingen weitgehend straffrei aus. Einige wurden spater von den Nationalsozialisten fur Haft und Strafverfolgung entschadigt. Die Gardekavallerie wurde in die SA uberfuhrt. Pabst sagte in den 60er Jahren aus, er habe vor dem Mord mit Noske in der Reichskanzlei telefoniert, der seine Zustimmung dazu gegeben habe. Dabei sei auch Ebert anwesend gewesen. Dies bestatigt ein Tagebucheintrag, der 1970 in Pabsts Nachlass gefunden wurde. Unabhangig von den Aussagen des Morders konnte eine Einwilligung Eberts und Noskes nie bewiesen werden, zumal weder Parlament noch Justiz damals eine Untersuchung dazu anstellten.
Mit den Morden vom 15. Januar war die unversohnliche Gegnerschaft zwischen SPD und KPD besiegelt. Dies hatte u.a. die fatale Folge, dass sich beide Parteien nie auf ein gemeinsames Handeln gegen die seit 1930 erstarkende NSDAP einigen konnten.
Weitere Aufstande im Gefolge der Revolution
Auch in anderen Gegenden Deutschlands - beispielsweise im Ruhrgebiet und in Sachsen - kam es in den ersten Monaten des Jahres 1919 zu bewaffneten Aufstandsversuchen. In einigen Regionen wurden vorubergehend Raterepubliken ausgerufen. Am langsten hielt sich die Munchner Raterepublik, der preussische, wurttembergische und Freikorps-Truppen erst am 2. Mai 1919 ein gewaltsames Ende setzten.
Eine reale Gefahr, dass in Deutschland eine bolschewistische Diktatur nach sowjet-russischem Vorbild hatte installiert werden konnen, hat nie bestanden. Das Bundnis zwischen der Regierung Ebert und der Obersten Heeresleitung und deren brutales Vorgehen wahrend der verschiedenen Aufstande hat jedoch viele linke Demokraten der SPD entfremdet. Viele von ihnen betrachteten das Verhalten Eberts, Noskes und anderer SPD-Fuhrer wahrend der Revolution als Verrat an ihren eigenen Anhangern.
Nationalversammlung und neue Reichsverfassung
Am 19. Januar 1919 fanden die Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung statt. Neben SPD und USPD traten das katholische Zentrum und mehrere burgerliche Parteien an, die sich seit November neu gebildet hatten: die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP), die nationalliberale Deutsche Volkspartei (DVP), und die konservativ-nationalistische Deutschnationale Volkspartei (DNVP). Die KPD nahm entgegen Rosa Luxemburgs Empfehlung nicht an den Wahlen teil.
Die SPD wurde mit 37,4 % der Stimmen starkste Partei und stellte 165 von 423 Abgeordneten. Die USPD kam nur auf 7,6% und 22 Abgeordnete. Sie gewann nach dem Kapp-Luttwitz-Putsch 1920 zwar noch einmal verubergehend an Bedeutung, loste sich aber 1922 auf. Die Zentrumspartei zog mit 91 Abgeordneten als zweitstarkste Kraft in die Nationalversammlung ein. Die DDP errang 75, die DVP 19 und die DNVP 44 Mandate. Die SPD bildete daher eine Regierungskoalition mit Zentrum und DDP.
Um den revolutionaren Nachwirren in Berlin zu entgehen, trat die Nationalversammlung am 6. Februar in Weimar zusammen. Dort wahlte sie am 11. Februar Friedrich Ebert zum vorlaufigen Reichsprasidenten und am 13. Februar Philipp Scheidemann zum Ministerprasidenten der neugebildeten Koalition. Am 21. August wurde Ebert verfassungsgemass endgultig als Reichsprasident vereidigt.
Die neue Weimarer Verfassung, die das Deutsche Reich zu einer demokratischen Republik machte, war am 11. August 1919 mit den Stimmen von SPD, Zentrum und DDP verabschiedet worden. Sie stand in der liberalen und demokratischen Tradition des 19. Jahrhunderts und ubernahm - wie spater das Grundgesetz - viele Passagen wortlich aus der Paulskirchenverfassung des Jahres 1849. Jedoch blieben zentrale Forderungen der Novemberrevolutionare wegen der Mehrheitsverhaltnisse in der Nationalversammlung unerfullt: Die Sozialisierung der Montanindustrie und die Demokratisierung des Offizierskorps, die schon der Kieler Arbeiter- und Soldatenrat gefordert und der Reichsratekongress eingeleitet hatte, blieb ebenso aus wie die Enteignung von Grossbanken, Grossindustrie und adeligem Grossgrundbesitz. Anstellung und Rentenanspruche von kaiserlichen Beamten und Soldaten wurden ausdrucklich geschutzt.
Einerseits enthielt die Weimarer Verfassung mehr Moglichkeiten direkter Demokratie als das Grundgesetz, z.B. Volksbegehren und Volksentscheid. Andererseits raumte der Notverordnungs-Artikel 48 dem Reichsprasidenten weitreichende Vollmachten ein, auch gegen die Reichstagsmehrheit zu regieren und notfalls das Militar im Innern einzusetzen. Dieser Artikel erwies sich 1932/33 als ein entscheidendes Mittel zur Zerstorung der Demokratie.
Historische Einordnung
Die Novemberrevolution ist eines der wichtigsten Ereignisse der jungeren deutschen Geschichte, im historischen Gedachtnis der Deutschen aber kaum verankert. Das Scheitern der aus ihr hervorgegangenen Weimarer Republik und die darauf folgende Zeit des Nationalsozialismus haben den Blick auf die Ereignisse an der Jahreswende 1918/19 lange Zeit verstellt. Ihre Deutung wird bis heute mehr von Legenden als von Tatsachen bestimmt.
So nahrten sowohl die extreme Rechte als auch die extreme Linke – unter jeweils umgekehrten Vorzeichen - die Vorstellung, es habe damals einen kommunistischen Aufstand gegeben mit dem Ziel, Deutschland in eine Raterepublik nach sowjetrussischem Vorbild zu verwandeln. Auch die Parteien der demokratischen Mitte, besonders die SPD, hatten lange Zeit wenig Interesse an einer gerechten Beurteilung der Ereignisse, die Deutschland zur Republik machten. Denn bei genauerer Betrachtung erweisen sie sich als eine von Sozialdemokraten getragene Revolution, die von den sozialdemokratischen Parteifuhrern gestoppt wurde. Dass die Weimarer Republik sich als schwache Demokratie erwies und schon 14 Jahre spater wieder unterging, hat auch mit diesem und anderen Geburtsfehlern wahrend der Novemberrevolution zu tun.
Von grosser Bedeutung war die Tatsache, dass die kaiserliche Regierung und die Oberste Heeresleitung sich fruhzeitig der Verantwortung entzogen und die Bewaltigung der von ihnen verschuldeten Niederlage im 1. Weltkrieg den Mehrheitsparteien des Reichstags aufburdeten. Welches Kalkul dahinter steckte, belegt ein Zitat aus der Autobiographie des Ludendorff-Nachfolgers Groener:
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