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Dialektik

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Die Dialektik (griechisch διαλεκτική (τέχνη), dialektike (techne) gleichbedeutend zu lateinisch (ars) dialectica: '(Kunst der) Gesprachsfuhrung') - eigentlich: 'Kunst der Unterredung' - ist eine Methode der Philosophie und der Rhetorik, bei der kontroverse Themen diskutiert werden.

Table of contents
1 Fruhe, vorterminologische Entwicklungsformen der Dialektik
2 Dialektik als Methode der Gesprachsfuhrung
3 Konzept der Dialektik im deutschen Idealismus und spater

3.1 Zum Ansatz der Dialektik bei Hegel
3.2 Zum System der Hegelschen Dialektik
3.3 Zur Denkmethode im System der Hegelschen Dialektik
3.4 Zum Paradigma im System der Hegelschen Dialektik
3.5 Zum Moment des Ubergangs von der Hegelschen zur materialistischen Dialektik

3.5.1 Zum entscheidenden Irrtum im Systemdenken
3.5.2 Zum Ziel und Wesen der dialektischen Erkenntnis
3.5.3 Zur Uberwindung der Hegelschen Illusion
3.5.4 Zur Aufgabenstellung der Bestimmungen zur Dialektik
3.5.5 Zur Vermeidung der Einseitigkeit im Verharren einer Kategorie

3.6 Dialektik im Marxismus
3.7 Kategorien und Kategorienpaare

4 Themen zur Dialektik
5 Siehe auch
6 Literatur
7 Weblinks

Fruhe, vorterminologische Entwicklungsformen der Dialektik

Eine spontane, naturwuchsig-naive Dialektik findet sich in unterschiedlicher Auspragung in den Weltanschauungen fast aller Kulturvolker. Im fruhen Buddhismus, der die Welt als ein ununterbrochenes Werden auffasst, tritt diese elementare dialektische Anschauungsweise ebenso auf wie in der alten chinesischen Philosophie, insbesondere im Taoismus. Ihren Hohepunkt und ihre entwickeltste Gestalt erhielt diese Form der Dialektik in der antiken griechischen Philosophie. Den ionischen Naturphilosophen (u.a. Thales, Anaximenes, Anaximander) galt die Welt als einheitliches Ganzes, in dem bestandiges Werden herrscht.

Am ausgepragtesten bringt Heraklit diese Dialektik zum Ausdruck. Die Welt ist ihm ein ewiger gesetzmassiger Prozess:

'Diese Weltordnung, dieselbige fur alle Wesen, schuf weder einer der Gotter noch der Menschen, sondern sie war immerdar und ist und wird sein ein ewig lebendiges Feuer, erglimmend nach Massen und verloschend nach Massen'. (in: H. Diels, Die Fragmente der Vorsokratiker, 1903)

Als entschiedene Verfechter einer metaphysischen antidialektischen Anschauung traten die Eleaten, insbesondere Zenon von Elea, gegen Heraklit auf. Sie hielten die Welt fur das eine, ewige, unbewegliche Sein, in dem es kein Werden und Vergehen, keine Vielfaltigkeit gebe. Was die Sinne dem Menschen an Bewegung und Vielheit zeigen, sei trugerischer Schein.

Dialektik als Methode der Gesprachsfuhrung

Zum ersten Mal findet sich der Terminus 'Dialektik' bei Platon. In seiner fruhen Philosophie bezeichnet er damit lediglich eine bestimmte Form der Gesprachsfuhrung, bekannt als sokratischer Dialog: Zwei Partner unterhalten sich uber einen Gegenstand. Ausgangspunkt ist die Definition des Sprechers A. Mit der Grundlage dieser Definition fragt B A aus. Die Zuteilung der Rollen ist dabei zwingend. Der Definitionsgeber A darf nur antworten; nur der Frager B darf Fragen stellen.

Spater entwickelt Platon Dialektik zu einer Methode, mit der in der Philosophie Wissen uber die Ideen zu erlangen sei.

Aristoteles arbeitet in seiner Topik eine methodische Anleitung der Argumentation aus, die er 'Dialektik' nennt. Zu Beginn der Topik schreibt er:

' Die Abhandlung beabsichtigt, ein Verfahren zu finden, aufgrund dessen wir in der Lage sein werden, uber jedes vorgelegte Problem aus anerkannten Meinungen zu deduzieren, und, wenn wir selbst ein Argument vertreten, nicht Widerspruchliches zu sagen.' (zitiert nach Rapp/Wagner 2004)

Nach Aristoteles ist demnach Dialektik ein Instrument, jede mogliche These auf ihre Tragfahigkeit zu uberprufen. Wahrscheinlich bezieht sich Aristoteles auf den Dialektikbegriff Platons. Von den meisten Forschern wird er als Schuler Platons bezeichnet, den er wohl an der Akademie erlebt hatte. Wie bei Platon ist der Ausgangspunkt seines Denkens ein Gesprach zwischen einem Fragenden und einem Antwortenden, der die These verteidigt.

Konzept der Dialektik im deutschen Idealismus und spater

Hier bezeichnet Dialektik eine Denkweise, die auf der Einsicht in die objektive Einheit von Gegensatzen und in qualitative Veranderungen des Geschehens beruht; in ihrer materialistischen Auspragung eine Auffassung der Theorie von den allgemeinsten Bewegungs- und Entwicklungszusammenhangen in der Natur, der Gesellschaft und in den Formen des Denkens und Handelns. Diese Widerspruche sollen aufgelost werden und dadurch eine Erkenntnis entstehen (Synthese), wobei Fichtes Terminologie - These, Antithese und Synthese - von Hegel nicht benutzt, sondern kritisiert wird(siehe Triade). Es besteht also eine enge Verwandtschaft mit der Logik. Dialektik wird oft als Teil der Logik oder informale Logik bezeichnet oder gar mit Logik gleichgesetzt.

Kant behauptete, die Dialektik sei die Beschaftigung mit Dingen ausserhalb des moglichen Erfahrungsbereiches ('Logik des Scheins') und fuhre daher unausweichlich zu unauflosbaren Widerspruchen (kantischen Antinomien). Das Verstandnis der Dialektik wurde weiterentwickelt bei Karl Klemens Serol, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling, um schliesslich seinen absoluten Hohepunkt in der Logik Hegels zu erreichen.

Zum Ansatz der Dialektik bei Hegel

Der metaphysischen Denkweise stellt Hegel die Dialektik gegenuber, welche nach Hegel nicht nur eine Methode, eine Theorie des Erkennens, sondern auch eine Ontologie, d.h. ein metaphysisches System ist. Die Dialektik wird deshalb als autonomer logischer Prozess charakterisiert, als Selbstentwicklung des Begriffs, deren Grundlage die logische Struktur der Wirklichkeit selbst bildet.

Ein spekulatives metaphysisches System ist auch ein System logischer Schlussfolgerungen, da sie unabhangig von der Erfahrung sind, uber deren Grenzen hinausgehen und das Transzendente als dem Denken Immanentes erfassen, welches das Wesen von allem, darunter auch das menschliche Wesen, ist. Die Dialektik ist nach Hegel auch die echte metaphysische Methode, die es erlaubt, sich uber die unausbleibliche Begrenztheit des empirischen Wissens auf jedes beliebige Entwicklungsniveau zu erheben.

Zum System der Hegelschen Dialektik

In Hegels Philosophie ist es der Geist, der sich in einem dialektischen Prozess von Stufe zu Stufe entwickelt, immer neue Gestaltungen hervorbringt und sich zugleich selbst erkennt. Dieser Geist, dessen Entwicklung in Form von Begriffen Hegel darstellt, ist nichts anderes als der vom Subjekt getrennte, verselbstandigte und zum Weltprozess verabsolutierte Denkprozess. Aber in dieser objektiv-idealistischen Form hat Hegel mit enzyklopadischer Gelehrsamkeit das Wissen seiner Zeit verarbeitet, um uberall in Natur, Geschichte und Denken die inneren Zusammenhange, die Entwicklung, die Widerspruche nachzuweisen. So hat seine idealistische Dialektik einen sehr realen Inhalt, denn in der mystifizierten Entwicklung des Denkprozesses ist die wirkliche Entwicklung der materiellen Welt in ihrer dialektischen Gesetzmassigkeit teils bewusst erfasst, teils genial erahnt.

Hegel hat damit als erster in der Geschichte des philosophischen Denkens die allgemeinen Gesetze der Dialektik formuliert, indem er die Bewegung und Entwicklung als Ubergang quantitativer Veranderungen in neue qualitative Zustande, als Entstehung und Uberwindung von Widerspruchen und als Negation der Negation fasste. Im Widerspruch der Gegenstande zueinander und in ihrer Wechselwirkung erkannte er die Quelle und Triebkraft aller Entwicklung, denn der Widerspruch 'ist die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit; nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tatigkeit'(in: Logik II 1,2).

Zur Denkmethode im System der Hegelschen Dialektik

Hegel arbeitete seine dialektische Denkmethode in einer standigen, tiefgreifenden kritischen Auseinandersetzung mit der metaphysischen Denkweise aus, die mit isolierten, erstarrten Begriffen und einseitigen Bestimmungen operierte, ohne die Bewegung der Begriffe, ihre wechselseitigen Ubergange und die Relativitat jeder Bestimmung zu sehen. Aber die Dialektik ist fur Hegel keine 'aussere Kunst' und kein 'subjektives Schaukelspiel von hin- und herubergehendem Raisonnement[Urteil, Vernunftschluss]', sondern sie ist 'vielmehr die eigene, wahrhafte Natur der Verstandesbestimmungen, der Dinge und des Endlichen uberhaupt'. 'Das Dialektische macht daher die bewegende Seele des wissenschaftlichen Fortgehens aus und ist das Prinzip, wodurch allein immanenter Zusammenhang und Notwendigkeit in den Inhalt der Wissenschaft kommt, so wie in ihm uberhaupt die wahrhafte, nichtausserliche Erhebung uber das Endliche liegt'(in: Enzyklopadie der philosophischen Wissenschaften im Grundriss, § 81).

Die Dialektik ist bei Hegel objektiv bestimmt, 'denn die Methode ist das Bewusstsein uber die Form der inneren Selbstbewegung ihres Inhalts'(in: Logik, Einleitung). Die dialektische Methode ist 'der sich selbst wissende, sich als das Absolute, sowohl Subjektive als auch Objektive, zum Gegenstand habende Begriff', sie ist 'Bewegung des Begriffs selbst', und daher ist sie die allgemeine, schlechthin unendliche Kraft, welcher sich kein Objekt entziehen kann. 'Sie ist darum die hochste Kraft oder vielmehr die einzige und absolute Kraft der Vernunft nicht nur, sondern auch ihr hochster und einziger Trieb, durch sich selbst in allem sich selbst zu finden und zu erkennen'. (In: Logik II, 3,3). Hegel hat auch die wichtigsten Kategorien der Dialektik untersucht. Seine Bestimmungen uber solche dialektische Kategorien wie Notwendigkeit und Zufall, Kausalitat und Wechselwirkung, Moglichkeit und Wirklichkeit, Wesen und Erscheinung, Gesetz, Freiheit und Notwendigkeit, Kontinuitat und Diskontinuitat und andere.

Zum Paradigma im System der Hegelschen Dialektik

Hegel bevorzugte als Paradigma der Dialektik den Prozess der geistigen Selbstfindung beim Menschen. Das Bewusstsein eines Kindes ist noch unbestimmt und unerfullt, offen fur alles Einstromende. Insofern ist es - auf leere Weise - umfassend und allgemein als ein abstraktes Ich aufzufassen. Der Jugendliche wendet sich offen der Welt zu, lasst sie auf sich wirken, geht Beziehungen mit dem Anderen, dem Fremden ein. Und genau so findet er sich selber. Das Sich-Offnen, das Aus-sich-Herausgehen ist tiefer gesehen ein In-sich-Einkehren lassen. Das Fremde wird angeeignet, im Anderen erkennt sich das Selbst: Sein 'Abstossen von sich' ist das 'Ankommen bei sich selbst'. Vielerlei Besonderes bestimmt und erfullt nun die zuerst vage und leere Allgemeinheit des Ich. Der derart 'gebildete' Mensch ist welthaltig: nicht mehr abstrakt, sondern kon-kret (d. h. ist zusammengewachsen mit der vielgestaltigen Wirklichkeit).

Somit hat der Mensch sich durch 1001 Vermittlungen zu neuer, hoherer Ganzheit entwickelt. In dieser mystifizierten Beschreibung sind die drei Stufen der Dialektik zu erkennen, die oft (aber nicht zutreffend: siehe Triade) als These, Antithese und Synthese kennzeichnet:

  1. die unbestimmte Unmittelbarkeit oder das leere, abstrakte Allgemeine, das 'Ansich',
  2. das Herausgehen, die Entausserung aus dem Anfangszustand, als Vermittlung ins Besondere, das 'Fursich',
  3. durch die Negation dieser Negation die neue Position, die hohere, vermittelte Unmittelbarkeit oder das konkrete Allgemeine, das 'An-und-fur-sich'.

Anders als in der klassischen Terminologie der formalen Logik ist die Negation der Negation bei Hegel allerdings nicht gleichzusetzen mit der ursprunglichen Position. Sie ist vielmehr in dreifacher Hinsicht in dieser 'aufgehoben': Im Sinne von 'elevare', 'conservare' und 'negare'.
Die Kraft, die den sich selbst bewegenden Werdeprozess der Dialektik in Gang setzt und halt, entsteht im Prozess des Widerspruchs als Negation, die das Verneinen seines Zustands an sich selbst vollstreckt: die jeweilige Entwicklungsstufe in ihrem Bestreben zur hoherer Vollendung holt - in einer scheinbaren Spiralentwicklung - die verwandelte Ausgangsstufe in sich wieder ein. Darin vollzieht sich das Hegelsche ' Aufheben' im dreifachen Wortsinn: Abschaffen (oder Auflosen), Aufbewahren und Emporheben.

Zum Moment des Ubergangs von der Hegelschen zur materialistischen Dialektik

Die deutsche Philosophie setzte das Bedurfnis nach Philosophie mit dem Bedurfnis nach einem philosophischen System gleich. Dies ist aber im Idealismus begrundet, denn fur Hegel ist Philosophie nicht Widerspiegelung der unendlichen materiellen Totalitat. Die Philosophie hat hier vielmehr den aktiven Anteil an der Selbstverwirklichung der Totalitat. In der Philosophie gestaltet sich das Absolute zur Totalitat und schaut in einem Ganzen der Wissenschaft, in einem System der Philosophie an. Die von Hegel entwickelte Vorstellung von der Welt als einem in sich selbst tragenen und vollendeten Ganzen, das keinen Grund ausser sich selbst hat, war ein grosser Fortschritt in der Geschichte des Denkens. Jedoch ihre Ubertragung auf die Philosophie, im Sinne der Moglichkeit der vollendeten begrifflichen Widerspiegelung dieses Ganzen (d.h. in einem philosophischen System), erwies sich als unfruchtbar und in der Folgezeit als hemmend. Friedrich Engels kritisierte eine solche Systemvorstellung: 'Ein allumfassendes, ein fur allemal abschliessendes System der Erkenntnis der Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was indes keineswegs ausschliesst, sondern im Gegenteil einschliesst, dass die systematische Erkenntnis der gesamten ausseren Welt von Geschlecht zu Geschlecht Riesenschritte machen kann'(in: Herr Eugen Duhrungs Umwalzung der Wissenschaft).

Zum entscheidenden Irrtum im Systemdenken

Der entscheidende Irrtum bestand im Systemdenken darin, dass im System das Resultat des Denkens mit dem Denken selbst gleichgesetzt wurde, dass in ihm, wie Ludwig Feuerbach richtig ausfuhrte, 'die wissenschaftliche Darstellung der Philosophie fur das Wesen der Philosophie gilt' und 'was nicht System (System hier im engsten Sinne), nicht Philosophie ist' (in: Feuerbach, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie). Feuerbach zeigte in seiner Kritik des Hegelschen Idealismus, dass das systematische Darstellen im wesentlichen nur sich das darstellende Denken, das seine Ergebnisse reproduzierende Denken ist. Er meinte, das darstellende Denken und das systematische Denken seien nicht das eigentliche, das 'wesentliche' Denken. Ahnlich kritisiert auch Kierkegaard die Dialektik Hegels, indem er deren Ergebnisse als fur den einzelnen Menschen unerheblich darstellt, da dem Allgemeinen kein Sein zukommen kann. Hegel abstrahiert nach Kierkegaard in die Idealitat und verliert dabei denkend den Boden unter den Fussen, wahrend fur Kierkegaard das Denken der Wirklichkeit darin bestehen muss, diese auch existenziell in der eigenen Existenz zu verwirklichen.

Zum Ziel und Wesen der dialektischen Erkenntnis

Das Ziel und das Wesen der dialektischen Erkenntnis der materiellen Welt ist die geistige Entfaltung, besser: die Entwicklung der Totalitat der Momente der Wirklichkeit. Das aber schliesst ein, dass nicht nur das Resultat das wirkliche Ganze ist, sondern vielmehr das Resultat zusammen mit seinem Werden; der Weg des forschenden Denkens gehort dazu. Mit Recht bezeichnet Hegel das blosse Resultat als den Leichnam, der die Tendenz hinter sich gelassen hat. Ziel und Wesen der dialektischen Erkenntnis ist der Weg oder der Prozess der Entfaltung der Momente der Wirklichkeit. In einer Kurzformel zusammengefasst: die Momente der Kategorien des Logischen und Historischen. Jede einzelne Kategorie offenbart deshalb allein das Moment des Ganzen und seiner Entwicklung, ihren vollstandigen Inhalt und ihre Bedeutung. Die Totalitat der Kategorien birgt einen Reichtum von Stufen und Momenten in sich, deren relative Einseitigkeit und Beschrankheit in der lebendigen Totalitat des Ganzen uberwunden wird. Denn erst in ihr kritisieren, erganzen und berichtigen die einzelnen Kategorien einander und uberwinden die Einseitigkeit des Beschrankten.

Zur Uberwindung der Hegelschen Illusion

Das systematisch darstellende Denken legt die Resultate seiner Widerspiegelungstatigkeit, der begrifflichen Widerspiegelung, vor. Es kann im Verlauf der Darstellung des Erkenntnisinhalts darauf verfallen, diese Darstellung mit der objektiven Bewegung des Widergespiegelten zu verwechseln, d.h. die materielle Wirklichkeit mit dem Bewusstsein zu identifizieren. Der Prozess der Darstellung wird mit der materiellen Bewegung verwechselt, weil der Anfang der Erkenntnis in der objektiven Realitat vergessen worden ist. In der Einleitung zur Kritik der politischen Okonomie zeigte Karl Marx den inneren Mechanismus, der zur Entstehung der Hegelschen Illusion fuhrte, das Materielle, das Konkrete, die Totalitat sei das Resultat des in sich zusammenfassenden Denkens. Dabei kann dem Bewusstsein die Bewegung der Kategorien als die wirkliche Produktionsart der materiellen Totalitat erscheinen, weil 'die konkrete Totalitat als Gedankentotalitat ... in fact als ein Produkt des Denkens, des Begreifens ist'. Auf diese Weise erscheint die Totalitat der Welt dem System des Philosophendenkens zu entsprechen, das sie mit Hilfe der dialektischen Vernunft spekulativ konstruiert.

Zur Aufgabenstellung der Bestimmungen zur Dialektik

An die Stelle der Systemkonstruktion muss die viel inhaltvollere Untersuchung des Verwandlungsprozesses selbst, des grossen Grundprozesses, in dessen Erkenntnis die ganze Erkenntnis der Natur sich zusammenfasst, treten. Engels wies wiederholt darauf hin, dass man zwar richtig den allgemeinen Charakter des Gesamtbildes der Erscheinungen erfassen kann, wie es sich in der griechischen materialistischen Philosophie zeigte, dass man aber auch die Einzelheiten erklaren muss, aus denen sich das Gesamtbild zusammensetzt, 'und solange wir dies nicht konnen, sind wir auch uber das Gesamtbild nicht klar'(in: Herrn Eugen Duhrings Umwalzung der Wissenschaft). Je tiefer die Wissenschaft in das Wesen der Bewegung der materiellen Wirklichkeit eindringt, desto mehr drangt sich ihr vom Einzelnen, vom Konkreten herauf, dass die Gesamtheit der Naturvorgange in einem systematischen Zusammenhang steht, und sie wird dahin getrieben, diesen systematischen Zusammenhang uberall im einzelnen wie im ganzen nachzuweisen(ebenda).

Zur Vermeidung der Einseitigkeit im Verharren einer Kategorie

Damit zeigte sich die Aufgabe der Anwendung der Dialektik darin, den gesamten Reichtum der Bestimmungen der Dialektik bei der Analyse konkreter Prozesse zu entfalten. Somit ist die Notwendigkeit gefordert, die Gleichzeitigkeit nahezu aller Bestimmungen der Dialektik bei der Analyse der Bewegung der materiellen Verhaltnisse zu untersuchen. Ein Fehler ist, in der Einseitigkeit einer Kategorie zu verharren, weil die objektive Dialektik sich allseitig und in der Bewegung der Totalitat durchsetzt und nicht nur in einer Form des Zusammenhangs, wie etwa der Kategorie des Gesetzes oder der Kausalitat. Es gilt, die Totalitat des Wissens und das Instrumentarium der dialektischen Methoden gleichzeitig anzuwenden. Das Verharren in der Einseitigkeit kann sich leicht einstellen, wenn allein im Seriellen, d.h. in der Folge des Nacheinaderausfuhrens, der einzelnen Kategorien das Wesen einer gegebenen Erscheinung analysiert wird. Es kann jedoch keine schematische Anleitung im Vorgehen bei der Analyse geben, denn im Prozess der Anwendung der Abstraktionen hochster, also der philosophischen Stufe auf die Analyse des Konkreten, Mannigfaltigen zeigen diese selbst niemals eine im einzelnen vorhersehbare Wandlung, weil sie nunmehr explizite den Reichtum des Besonderen und damit die innere Dialektik selbst zur Darstellung bringen. Das Einzelne kann mit dem Allgemeinen partiell nicht ubereinstimmen, denn auf der Ebene des Besonderen verwirklichen sich die Zusammenhange konkreter und widerspruchlicher, als dies die hochste Abstraktion einzubinden vermag. Darin ist die Begrundung zu suchen, dass es nicht moglich ist, philosophische Kategorien unvermittelt und vereinzelt auf konkrete Prozesse anzuwenden.

Dialektik im Marxismus

Karl Marx und Friedrich Engels hatten den Anspruch, auf der hegelschen Dialektik aufzubauen. Sie wollten Hegel dabei 'vom Kopf auf die Fusse stellen' und die hegelsche idealistische Dialektik in eine materialistische Dialektik wandeln, bei der sie sich auch auf den (undialektischen) Materialismus Ludwig Feuerbachs bezogen. Dabei gingen sie von einem dialektischen Verhaltnis von einerseits Natur und andererseits dem Menschen als Teil der Natur als eines praktisch wirkenden Verhaltnisses aus. Natur wird von Marx als real anerkannt, sie sei aber fur den Menschen nichts, solange er sie nicht bearbeiten konne. Die dialektisch zu interpretierende menschliche Geschichte beginnt entsprechend erst mit der Evolution des Menschen aus dem Tier (toolmaking animal). Indem der - von der Umwelt/ Natur gepragte - Mensch seine Umwelt durch Produktion seiner Lebensmittel verandert, sie sich langsam immer starker aneignet, verandert er dabei sich selbst und emanzipiert sich von der Natur und selbst gesetzten Zwangen politischer Herrschaft (siehe Historischer Materialismus).

Marx spricht in seiner Arbeit von Dialektik nur solange es Menschen gibt. Engels versucht in seinen Spatschriften, sie auch auf die Natur anzuwenden, um den sich damals stark differenzierenden Naturwissenschaften 'theoretisch uber den Berg' zu helfen. Diese Ansatze waren Marx bekannt, der im 'Kapital' an einer Stelle bestatigt, Dialektik liesse sich auch auf die Naturwissenschaft anwenden. Natur ist Marx und Engels nicht teleologisch und nicht von Gott geschaffen, weshalb sie in Darwins Evolutionstheorie (1859) fur die Natur eine faktische Bestatigung ihrer Anschauung uber gesellschaftliche Entwicklung sahen, die aber nicht - wie im Sozialdarwinismus versucht - auf die Gesellschaft ubertragbar sei. Von einer womoglich naturgesetzlichen Entwicklung menschlicher Geschichte in dem Masse, wie sie spater von der Sowjetideologie gepragt wurde, keine Spur. Von Gesetzmassigkeiten okonomischer Entwicklung sprachen sie als 'Tendenzen'. Wenn es auch eine Tendenz vom Einfachen zum Komplexeren gabe, sei immer auch der Misserfolg moglich: Sozialismus oder Barbarei, formulierte Marx dazu. (siehe auch: Dialektik bei Marx - Engels)

Doch die meisten Schuler von Marx, besonders in der Sozialdemokratie (Kautsky, Mehring) und dann - auf diese aufbauend - vollends die Vertreter der Sowjetideologie (Lenin, Stalin) sanken herab zu einer dualen Dialektik, die nicht nur in der menschlichen Geschichte, sondern auch in der Natur selbst gesetzmassig wirke, wodurch 'der Partei', der jeweiligen herrschenden Kommunistischen Partei, die Definitionsmacht uber das jeweilige 'wahr - falsch' zugeordnet wurde. Besonders Josef Stalins Verbindung von Historischem und Dialektischem Materialismus (siehe Uber Dialektischen und Historischen Materialismus), die die hegelsche Logik herunterbringt auf die Form der beruhmten drei marxistischen dialektischen Grundgesetze:

  • Gesetz von der Durchdringung der Gegensatze
  • Gesetz von der Negation der Negation
  • Gesetz des Umschlagens von Quantitat in Qualitat und umgekehrt.

Neben diesen drei aufgefuhrten Grundgesetzen werden in der marxistischen Dialektik noch die Gesetzmassigkeiten des dialektischen Zusammenhangs betrachtet. Das sind z.B. die Kategorien bzw. Kategorienpaare.

Dialektik kann mit Bertolt Brecht auch als Kunst verstanden werden, mit Antinomien (=Widerspruchen) umzugehen, und zwar besser als der politische Gegner, der, wie man selber, sich in ihnen bewegen muss.

Kategorien und Kategorienpaare

  • Wesen und Erscheinung
  • Ursache und Wirkung
  • Inhalt und Form)
  • Inneres und Ausseres)
  • Wirklichkeit und Moglichkeit
  • Zufall und Notwendigkeit)
  • Allgemeines und Einzelnes
  • Einzelnes und Besonderes
  • Kontinuitat und Diskontinuitat
  • Grund und Folge
  • Abstraktes und Konkretes
  • Qualitat und Quantitat
  • Identitat und Unterschied
  • Teil und Ganzes)
  • Endlichkeit und Unendlichkeit
  • Absolutes und Relatives
  • Einheit und Vielheit

Manchmal werden diese Gesetzmassigkeiten auch als dialektische Wechselwirkungen bezeichnet.

Eine besondere Entwicklung hat die marxistische Dialektik in der Volksrepublik China (siehe Mao Zedongs Widerspruchstheorie) genommen.

Die drei Grundgesetze sind - entgegen vielen Geruchten, insbesondere aus marxistisch-leninistischen Kreisen - keineswegs die Zusammenfassung der hegelschen Dialektik oder das, was an ihr 'rational' ist. Wer etwas zu Hegels Dialektik wissen will, moge Hegels Logik lesen, in der kleinen Logik (1. Band der Enzyklopadie, erhaltlich z.B. als stw 608 bei Suhrkamp) oder in der grossen Logik (Wissenschaft der Logik, 2 Bande, stw 605-606). Einen ersten Einstieg bieten in der kleinen Logik die Paragraphen 79-82.

Themen zur Dialektik

  • Entwicklung der ersten dialektischen Denkform
  • Dyadische Dialektik
  • Transzendentaler Schein
  • Korrespondenz

Siehe auch

  • Negation, Polaritat, Neutrosophie, Ruhe, Attraktion und Repulsion
  • These, Deduktion, Induktion (Logik), Abduktion, Fehlschluss, Statistik, Nullhypothese, Rhetorik, Fehler 1. und 2. Art, Dialektik bei Marx - Engels

Literatur

  • Rapp, Christof/ Wagner, Tim: Aristoteles, Topik. Ubersetzung, Einleitung und Kommentar, Stuttgart 2004 (Reclam)

Weblinks

Zur hegelschen Dialektik:

  • http://hegel-werkstatt.de/artikel/logik/index.htm
  • http://hegel-system.de/quer.htm
  • http://co-forum.de/index.php4?Dialektik
  • http://www.thur.de/philo/hegel/hegel.htm
  • http://www.club-dialektik.de
  • http://www.systemtheorie-life.info

Kategorie:Philosophie !

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